Startseite
  Editorial
  Aktuell
    Inhaltsverzeichnis
    Monatsspruch
    akt. Gottesdienst
    akt. Gestaltungshilfe
  Archiv
  Service
    Abobestellung
    Adressänderung
    Mediainformationen
  Impressum
  Kontakt
 

Nur für Abonnenten:


der aktuellen Ausgabe





Bis zum Ende dauernder Trennungsschmerz

10. Sonntag nach Trinitatis
Römer 9,1–8.14–16

Hansfrieder Zumkehr, Mittelweg 95, 38106 Braunschweig, H.Zumkehr@gmx.de

Leider Gottes! Trauer und Schmerz des Apostels werden uns heute runterziehen. Ich sehe schon: Den Apostel leiden sehen, das wird uns mitnehmen. Ich hätte ihn an sich gerne anders, gerade in dieser Sommerstimmung. Als Mitchrist, der meinen Glauben aufrichtet oder mir Worte von Hoffnung und Liebe ausrichtet. Aber in diesem Briefabschnitt gewährt der Mitbruder aus dem Judentum uns Einblick in seinen Kummer. Der dynamische Völkermissionar entpuppt sich als ein im Grunde seines Herzens leidender Mensch. Der uns ansteckt, ja, anstecken muss. Denn sein Problem ist unser Problem. Er leidet am Grundproblem, das dem Christentum eingekerbt ist.

Jesus Christus ist gekommen, aber seither stimmt etwas nicht. Denn wer Jesus sagt, sagt zuerst Israel. Das geht Paulus ständig durch den Kopf. Jesus Christus gehört doch zu ihm, zu dem Juden Paulus genauso wie zu seinen Stammverwandten, wie er formuliert, also zu allen Juden. Wenn irgend zwei zusammenpassen, dann die: der Jude Jesus und seine Angehörigen, Paulus nennt sie die Brüder, die Väter, und er meint damit das ganze Volk Israel. Wir können uns die Mutter Maria und Jesu Schwestern dazu-denken, die Jüngerschar oder eben Paulus. Bei denen passt es nun ja auch. Aber wie steht es mit all den anderen?
Das kriegt Paulus nicht auf die Reihe. Wir im Judentum haben doch alle Voraussetzungen. Das müsste doch zueinander passen, Topf und Deckel. Seine Auflistung klingt so grandios, wie sie ist. Zuerst der Ehrentitel „Israeliten“, von Gott persönlich verliehen an Jakob. Dann die Kindschaft: Die Juden sind Gottes Kinder. Dann nennt er die Herrlichkeit: Gottes Gegenwart bei seinem Volk, sein Angesicht, das er leuchten lässt über Israel. Weiter all die Bundesschließungen, angefangen mit Abraham. Gott hat sich seinem Volk verpflichtet, immer wieder, und jetzt doch erst recht, und das Volk hat sich ihm auch immer verpflichtet. Was ist nur diesmal los? Eine Voraussetzung reiht sich an die andere.
Sie leben mit dem Gesetz, der Thora. Sie freuen sich an Gottes befreiendem und verpflichtendem Lebenswort. Dazu zählen, einprägbar mit den Händen, die Zehn Gebote. Sie feiern regelmäßig Gottesdienst. Nicht anders als wir: Man versammelt sich, um Gott Dank und Sorge zu bringen und den Segen mitzunehmen. Das haben wir alles, sinniert Paulus. Schließlich, Trommelwirbel!, das Wichtigste: die Verheißungen. Sie melden den Messias seit langer Zeit an. Die Zusagen Gottes führen auf dem direkten Weg zu Jesus. Was Gott versprochen hat, hat er verwirklicht.

Petrus zeigt in seiner Pfingstpredigt beispielsweise, wie Verheißung und Messias zusammenpassen. Er sagt vom „Erzvater David“: „Da er nun ein Prophet war und wusste, dass ihm Gott verheißen hatte mit einem Eid, dass ein Nachkomme von ihm auf seinem Thron sitzen sollte, hat er’s vorausgesehen und von der Auferstehung des Christus gesagt: Er ist nicht dem Tod überlassen ...“ (Apg 2,30ff).
Der Messias ist einer von ihnen. Und einer für sie. Aber jetzt gibt es ein Problem. Seit er gekommen ist, scheiden sich die Wege. Gewiss: Die Verheißungen ihrer Bibel, unserem Alten Testament, sagen den jüdischen Gotteskindern nach wie vor etwas. Keine Frage! Nur Jesus aus ihrem eigenen Nazareth, der sagt ihnen nichts. Ist damit hinfällig, was Gott Israel versprochen hat? Bringen sie sich damit um das Entscheidende, wenn sie mit Jesus nichts anfangen können?

Die Gefühlsverfassung des Apostels. Ich stelle meiner Familie den wichtigsten Menschen der Welt vor, den es für mich gibt. Ich bin etwas angespannt. Hoffentlich finden sie ihn sympathisch. Was passiert? Ich blicke in die ablehnende Miene der Eltern. Die Geschwister zeigen ihm die kalte Schulter. Selbst die Freunde können nichts mit ihm anfangen. Ja, merken die nicht, wie wunderbar er ist? Wie gut er mir tut? Es spricht doch nichts gegen ihn. Liegen jetzt die daneben oder ich? Das zieht mich runter. Ich liebe beide Seiten. Aber die können nichts miteinander anfangen. Im Familienalltag geht es gewöhnlich so aus, dass man sich irgendwie arrangiert und mit der Zeit doch Sympathie entsteht.
Paulus überlegt sich in seiner Situation, ob er auf diese wichtigste Person in seinem Leben verzichten sollte, auf das Glück, das mit ihr verbunden ist. So groß ist die Liebe zu seinen jüdischen Geschwistern. Wer Jesus sagt, sagt göttliche Freude und himmlische Freiheit. Haben nicht sie das erste Anrecht darauf? An seinem Kummer können wir ablesen: wie wichtig ihm Jesus Christus ist und wie wert ihm seine Leute sind. Darum der Trennungsschmerz im Herzen der christlichen Gemeinde.
Der Apostel müsste heute noch viel mehr leiden, allerdings gerade wegen seiner Christenheit, falls er das 20. Jahrhundert als getaufter Jude überhaupt überlebt hätte. Sich zu Jesus halten und die jüdischen Gotteskinder gering achten oder gar verachten, das passt nicht zusammen. Dann wird Jesus nicht ernst genommen. Durch ihn werden wir schließlich überhaupt nur zum Gottesvolk dazugezählt.
Ich finde es genial, wie der Choral es uns Heiden einbläut: „Dankt Gott zu aller Stunde, dass er euch auch erwählet hat“ (EG 293,1). Hier steht schlichtweg „auch“. Wohlgemerkt, nur „auch“! Wir gehören dazu, juhu!, aber eben nur „auch“. Dafür sollten wir Gott danken, unablässig, als Stimmungsaufheller im Trennungsschmerz und als Dauerhinweis für die richtige Kleiderordnung. Hätte die Kirche zeit ihres Lebens das Leiden des Apostels mitempfunden und diese Dankbarkeit praktiziert, sie hätte wohl kaum beigesteuert zu dem unermesslichen Leid, das dem jüdischen Volk zugefügt wurde. Es gibt allen Grund, es wenigstens zu unserer Zeit zu praktizieren.

Auch wir Christen haben das Wort Gottes empfangen, das er Israel gewidmet hat. Wir haben die Kindschaft auch erhalten: Sie gehören zu Gott, wir gehören jetzt zu Gott. Wir beziehen uns auf Gottes Zusagen – auch. Mit den Stammesverwandten von Paulus warten wir: „Dein Reich komme“. Das beten sie in ihren Worten genauso, wie wir es mit den Worten Jesu beten. Wir erwarten es von unserem Vater im Himmel, beide, als seine Kinder.

Ich möchte gar nicht fragen: Spürt man uns diese Verbundenheit ab? Ich frage vorweg: Sind wir selber uns dieser engen Verbindung überhaupt bewusst? Ist uns klar, dass wir nicht die einzigen Hoffnungsträger sind? Ein Mann präziser Worte hat einmal gesagt: „Entweder trägt die Verheißung des Juden- und Christengottes die Juden und Christen gemeinsam, oder diese sind in der Welt verloren.“ (Prof. Dr. Gerhard Rau) Wir Christen sind mit den Juden Platzhalter für diese Sehnsucht in der Welt. Bei allen Ecken und Kanten, die unsere real existierenden „Religionstümer“ aufweisen. Wir schenken uns dahingehend beide nichts. Aber vereint mit den Juden sehnen wir uns nach der Zukunft, in der die Völker zueinander sagen (Jes 2,3): „Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!“ Wir gehören zusammen, weil wir zusammen hören auf denselben Gott und zusammen „schwören“ auf sein Erbarmen. Die Welt hat Hoffnungsträger nötig.

Ihnen und uns verlautbart Gott dasselbe. „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ Das teilt er Mose mit, und der Apostel verdeutlicht eigens für uns Christenleute fast in einem Merksatz: „So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“ Gott ist eigenwillig. Netter gesagt: Gott ist unabhängig. Was er schenkt, was er wirkt, das entscheidet er allein. Das, was Gott am besten kann – nämlich barmherzig und gnädig sein, das sind die Stärken Gottes –, das lässt er den Menschen zukommen nach seinem eigenen Kopf oder Herz. Nicht dass ihr meint, es läge an eurem sportlichen und spirituellen Ehrgeiz. Wer ist das Gewinner-Gotteskind? Wer ist erfolgreicher bei Gott, das Christentum oder das Judentum? Steht die Kirche auf dem Siegerpodest?
Sie hat es sich jahrhundertelang eingebildet und sich – leider Gottes – entsprechend hochnäsig verhalten. Die Gemeinde hat sich unter kräftiger Mithilfe der Theologie an die Stelle des Judentums gesetzt, im Irrglauben, Gott nicke das beifällig ab. Sie hat dabei den Knackpunkt übersehen: Es liegt nicht am Wollen oder am Laufen, am Lauf der Kirchengeschichte und am Willen der Gemeindeglieder. Ich kann nur sagen: Gott sei Dank nicht! Gott sei Dank knüpft Gott seine Zuneigung nicht an Vorleis-tungen. Dann sähe es nämlich gerade mit der Christenheit übel aus.

Gott setzt seinen eigenen Maßstab. Gott zeigt immer wieder, dass man ihn nicht berechnen kann. Er ist in einem tiefen Sinn nicht zurechnungsfähig. Diesen Charakterzug Gottes hat Jesus den Menschen vorgelebt, zuallererst seinen eigenen Landsleuten. Warum sollte Gott sich ändern?
Paulus überlegt darum, wie diese leidvolle Familiengeschichte weitergehen soll. Weil er die Würde eines Apos-tels hat, gewinnt er Einblick in Gottes Geheimnis, wie er später sagt. Er ahnt etwas von Gottes Erlösungs- und Problemlösungspotenzial! Es ist jedenfalls nichts gestrichen von dem, was der Gott Israels seinem Volk zugedacht hat. Paulus zieht darum als Schlussfolgerung, was er als hoffnungsvolle Aussicht sieht: „… und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: ,Es wird kommen aus Zion der Erlöser ...’“ (Röm 11,26).
Das gute Ende der Geschichte organisiert Gott. Am Schluss kommt zusammen, was zusammengehört. Gott sei Dank! Es sieht so aus, als ob wir schlussendlich mit den Juden jubeln: Wir sind ein Volk. Wir aus dem Christentum werden dabei allerdings zu flüstern haben: „auch“. Behalten wir dieses „auch“ im Auge! Und beachten wir: Der Trennungsschmerz bleibt, gerade weil es diese größere Verbundenheit gibt. Gott erbarmt sich aller.
Ich Christenmensch mag mir ja insgeheim mal die „spirituellen Hände“ reiben und denken: Da werden die jüdischen Geschwister sicher staunen. Der kommende Messias ist – na, wer wohl!? Aber wir Christen werden erst recht überrascht sein. Es gibt keine Gelegenheit zur Überlegenheit „Wir haben es immer gewusst!“ Denn es erscheint als kommender Herr sicher kein Repräsentant der Kirche – welcher Kirche eigentlich? Schon gar nicht eine Art oberster Landsbischof oder Papst. Auch nicht das Idealbild eines Christenmenschen nach meiner Vorstellung. Sondern – ein Jude. Der Erlöser kommt nicht aus Rom und nicht aus dem Luther-Land. Das – wohlgemerkt – Neue Testament stellt fest (Hebr 7,14): „Denn es ist ja offenbar, dass unser Herr aus Juda hervorgegangen ist.“

 

Eingangsgebet:
Ewiger, treuer Gott. Wir kommen zu dir, wie seit Jahr-tausenden das Volk Israel zu dir kommt. Mit ihm singen wir Halleluja und sagen mit ihm Amen zu allem, was du für uns tust. Wir sehnen uns mit ihm nach deinem leuch-tenden Angesicht über uns. Wir warten mit deinem Volk Israel darauf, dass du die Verheißungen verwirklichst, die du ihm und dann auch uns gegeben hast. Sei bei all deinen Kindern mit deiner Gnade und deinem Segen, lass uns in unseren so verschiedenen Gottesdiensten deine Nähe erfahren.

Kollektengebet:
Ewiger, einziger Gott, du hast uns hinzugenommen zu deinem Volk. Wir bitten dich: Lass uns diese Ehre wertschätzen und anerkennen, was du uns dadurch geschenkt hast. Belebe heute wieder die Freude am Wort, mit dem du uns befreiend und verpflichtend ansprichst, und erneuere unsere Bereitschaft, die Hoffnung zu bezeugen, die du für uns bist, nicht nur nebeneinander, sondern auch gemeinsam. Mit Jesus, dem Sohn der Maria, unserem Bruder und Herrn, und dem Heiligen Geist wirst du, unser Gott, Vater Abrahams, Isaaks und Jakobs, an-gebetet und verherrlicht, jetzt und in Ewigkeit.

Psalmvorschlag:        Psalm 74,1–3.8–11.20–21
Evangelium: Markus 12,28–34
Lesung:         Jesaja 62,6–12
Liedvorschläge:          302,1.2.4 (Du meine Seele, singe)
                      293,1–2 (Lobt Gott den Herrn)
                      290,1.3.5–7 (Nun danket Gott)
                      323,1–3 (Man lobt dich in der Stille)

            434 (Schalom chaverim)