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Herausgeber Gerhard Engelsberger

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Ausgabe 7-8 / 2017

Genau auf den Tag

20. August 2017, 10. Sonntag nach Trinitatis, 2. Mose 19,1–6

Pfarrer Karsten Loderstädt, Große Kirchgasse 26, 09345 Annaberg-Buchholz

Diesen Tag vergesse ich nicht. Ich bin überzeugt, dass jeder ein solches Datum auf dem Kalender seines Lebens vermerkt hat. Einen Entscheidungstag, an dem sich etwas einschneidend änderte. An dem etwas Neues begann. Was vorausging, kann schrecklich gewesen sein. Beängstigend. Lebensbedrohlich. Aber dann hat sich die Situation gewendet. Zum Guten. Manchmal wird einem das erst sehr viel später klar.

Für uns, die wir in der ehemaligen DDR aufwuchsen, markiert der 9. November 1989 einen solchen Wendetag. Die friedliche Revolution erreichte in den kalten Abendstunden ihren Siedepunkt. Würden an den Schlagbäumen der todbringenden Grenze zwischen zwei Systemen entsicherte Waffen die Epoche Diktatur und Freiheitsberaubung verlängern? Es kam anders. Anders als erwartet. Gott sei Dank. Das Licht der Kerzen, die Rufe nach Gewaltlosigkeit, die Gebete um Frieden machten den Wall porös und schließlich durchlässig.

Wer damals dabei war, wird diese Nacht des Aufbruchs niemals vergessen. Sogar Atheisten sprechen von einem Wunder. Ich bekenne offen, dass wir letztlich auf Adlersflügeln der barmherzigen Gnade Gottes getragen worden sind. Ansonsten wäre ein Krieg ausgebrochen.

Wir Deutschen haben an diesem, seit 1938 schwarz umrandeten Tag im Geschichtskalendarium die Freiheit des Neubeginns geschenkt bekommen. Es durfte anfangen, zusammenzuwachsen, was zusammengehört. Unglaublich gnädig war das! Wenn in den vierzig Jahren zuvor standhafte Menschen konsequent Unrecht beim Namen nannten, nicht aufhörten, das Regime in seiner Unmenschlichkeit anzuprangern, darf auch das niemals in Vergessenheit geraten. Menschen, die ihrer Lebenskraft beraubt wurden, in den Gefängnissen, während Stasi-Verhören, auf dem Todesstreifen. Gott ist mit hindurchgegangen. Ein Gebet weit entfernt. Oft schweigend. Manchmal unerträglich stumm. Dann wieder als Mutmacher und Tröster. Letztlich brach der Tag an, der alles veränderte. Eine Ära mit neuen Möglichkeiten begann. Doch auch das Licht der Freiheit wirft lange Schatten. Das erleben und erleiden wir. Dennoch können wir nicht genug danken für die sicheren, satten Lebensverhältnisse hier. Und insbesondere vor den Wahlen sollten wir alle sehr nachdenklich werden darüber, ab wann und weswegen es angemessen scheint, sich als Wut-Bürger aufzuspielen. Aber das ist ein anderes Thema.

Ein Tag, den man nicht vergisst. Davon kündet das biblische Wort für die Predigt. Es war der Tag, an dem die Israeliten in der Wüste Sinai ankamen. Jener Neumondstag, der erste des dritten Monats, nach dem Auszug aus Ägyptenland. Hinter ihnen lag eine Zeit perspektivloser Gefangenschaft und harter Frondienste. Eine Zeit, aus der sie flüchteten auf der Suche nach einem besseren Dasein. Gott ließ der Sache nicht einfach ihren Lauf. Er griff ein. Mose wurde zum Lotsen bestellt. Die Wegrichtung allerdings zeigte der Allmächtige selbst an. Als Wolkensäule am Tage und im Feuerschein bei Nacht.
Sämtliche Verfolger seines geliebten Volkes ließ er in den Wogen untergehen. Die Wogen ihres Hasses, ihrer Vergeltungssucht, ihres Machterhaltes schlugen über ihnen zusammen. Ihre Körper versanken im Wasser. Ihre Absichten in der Bedeutungslosigkeit.
Die Bewahrten erreichen einen Ort, an dem sie sich lagern können. Unter freiem Himmel. Keine Notversorgung durch Hilfsdienste in Sicht. Kein Begrüßungsgeld vom Sinai-Kontor. Keine behördlichen Formalitäten. Stattdessen Abwarten. Mose begegnet Gott. Oben auf dem Berge. Gott erhebt seine Stimme. Er spricht zu seinem Mittelsmann. Welche Nachrichten wird dieser von seiner Gipfeltour mitbringen? Gute Nachrichten. Denn Gott wendet sich seinem Volk zu. Er pflegt zu ihm seit Vätertagen eine besonders innige Beziehung. „Ihr sollt mein Eigentum unter allen Völkern sein!“ Das ist die Kernaussage dieser Begrüßungsrede am Sinai und zugleich eine Liebeserklärung. Ob sie es glauben konnten? Der, der ihnen voranging und ihnen nachfolgte, spricht zu ihnen durch Mose. Dem an der Spitze des Trecks. Dem Botschafter zwischen Himmel und Erde. Dem in die Pflicht und Verantwortung Genommenen, vor dem ganzen Volk den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu legitimieren.

Es geschieht an diesem besonderen Tag. Dem ersten nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland. Den keiner der Israeliten vergessen wird. Die Botschaft Gottes verheißt Nähe. Diese Nähe garantiert Schutz und Bewahrung. Getragen wie auf Adlersfittichen. Diese Zusicherung, dass die Israeliten ihres Herrn Schutzbefohlenen sind, knüpft sich jedoch an die Erwartung, dass sie auf das Gebotene hören. Dass sie den mit ihnen geschlossenen Bund in keinem Augenblick aufkündigen werden. Um ihres Lebens willen. Denn die Bindung an den Allmächtigen, dem die ganze Welt gehört, eröffnet ihnen Frieden, Gerechtigkeit und Heil. Welche Alternative könnte das überbieten? Gott möchte in lebendiger Beziehung zu den Seinen stehen. Es mag ein Geben und Nehmen sein. Darum soll das Volk einem Königreich von Priestern gleichen. Also auf ihren Gott ausgerichtet. Er ist der Höchste. Alle Macht liegt bei ihm. Nicht bei irgendeinem Mächtigen, der sich als Verführer erweist und wortbrüchig wird.
Gleich wie die Priester ihre Lebensaufgabe als einen Dienst für Gott und aus seiner Kraft heraus verstehen, so sollen die Israeliten handeln. Herausgehoben unter allen Völkern der Welt.
Sie, und nur sie, dürfen sich Gott nahen, so wie es dem priesterlichen Vorrecht entspricht. Folglich kommt Israel die einzigartige Rolle zu, alle Völker vor Gott zu vertreten. Der liebevolle Zuspruch Gottes verbindet sich demnach mit einem hohen Anspruch. Nichts ist davon zurückgenommen.

Am heutigen „Israel-Sonntag“ im Jahreskreis darf dieser Gedanke nicht unbeachtet bleiben.
Jene sollen uns zum Vorbild dienen, die einzig aus Gottes Gnade zum heiligen Volk erklärt wurden. Das ist ein wesentlicher Gesichtspunkt. Denn nur weil Gott Israel erwählte, sind sie zu dem geworden, was sie sind. Eben nicht von Natur aus etwas Besseres als alle übrigen, nicht bevorzugt, sondern bestimmt, eine besondere Aufgabe zu erfüllen. Auf ihrem Weg wurden und werden sie geprüft. Sie erduldeten und ertragen ihres Status wegen Bedrängung, Verfolgung, Zerstreuung. Doch sie sind ein Volk, das seinerseits Gott stets beim Wort genommen hat und ihn auf seine Versprechen festnagelte. Ein Volk, das sich, seiner selbst bewusst, weder an den Flüssen Babylons noch im Warschauer Ghetto den Mund verbieten ließ. Ein Volk, das sich seiner Erwählung sicher ist und dank der Liebe seines Herrn überlebt hat.
Dieses kleine Volk inmitten der großen Völkerwelt erregt bis heute Anstoß. Wir können nur unzutreffend beschreiben, was bzw. wen wir meinen, wenn wir für „Israel“ beten. Sicher ist nicht zuerst der Staat im Blick, sondern wir meinen die Menschen, deren Wurzeln, die zwölf Stämme hervorbrachten. Wir können in unserem Gebet nur die Achtung der Kinder Israels ausdrücken und unser Verhältnis zu ihnen der Liebe ihres und unseres Gottes anheimstellen.
Was zwischen Gott und Israel geschieht, haben wir weder zu neiden noch zu ignorieren. Es ist das wunderbare Geschehen, wenn der Herr sein Herz öffnet und die Auserwählten als seinen Schatz hineinlegt. Dieses eine Volk ist dazu bestimmt, damit sämtliche Völker erkennen können, wer dieser eine Gott ist. Und: was er mit allen Völkern vorhat.

Unser Text nimmt uns in ein intimes Verhältnis hinein. Gott sprach über Mose die Seinen an. Inwiefern betrifft es uns? Der Apostel des Hebräerbriefes schreibt: „Nachdem Gott vorzeiten und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch seinen Sohn ... Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort.“ (Hebräer 1,1ff.)
In Christus zählen wir zu den Geliebten Gottes. Aber wir treten nicht in Konkurrenz zu Israel. Durch unsere Taufe gehören wir mit in den Bund der Liebe unseres Gottes. Weil Gott sich durch Christus mit uns verbündet hat. Damit unser Leben nicht zerbricht, sondern ganz bleibt. Bis zu dem Tag, an dem wir als die Erlösten im Hause des Herrn bleiben dürfen für alle Zeit. Für uns wurde das Leben an jenem Morgen entschieden, als der Gekreuzigte den Tod überwand. Von diesem Tag an beginnt eine neue Zeitrechnung. Es war die Wende. Denn um das Leben dreht sich die göttliche Liebe in Christus. Gott spricht nun aus dem Munde seines Sohnes, des Universalerben und Weltenlenkers. Der letzte Satz des letzten biblischen Buches, der Offenbarung lautet: „Ja, ich komme bald!“ Das verspricht der, dessen Gnade mit uns allen sei.
Am Tage unserer Taufe hat Christus unser Leben in diesem Sinne versichert. Wir gehören zu ihm. Er gehört zu uns. Darum sind wir bestimmt dazu, das Priestertum aller Gläubigen auszuüben. Was nichts anderes heißt, als in alle Welt zu gehen und das Evangelium zu leben. Möge man dabei unsere Freude spüren und uns abnehmen, dass mit dem Tauftag ein neues, befreites Leben begann. Die Taufkerze kann an jedem Morgen brennen.
Und falls einer aufmerksam wird und sich darüber wundert, dann sage ihm: Ich besinne mich auf diesen Neubeginn. Heute. Denn es ist der Tag, den Gott für mich gemacht hat.

Eingangsgebet:
Allmächtiger Gott, wir wollen diesen Gottesdienst feiern in der Verbundenheit mit allen, die zu deiner Gemeinde Israel gehören. Mit denen, die du zum heiligen Volk erwählt hast. Nimm weg, was uns trennt. Entlaste uns von der Schuld, die unser deutsches Volk im barbarischen Umgang mit dem jüdischen Volk auf sich geladen hat. Schenke uns in unserer Verschiedenheit deinen Frieden, der uns eint und erhält. Dir, du Höchster, gehört die Ehre allezeit.

Fürbittengebet:
Herr, unser Gott, wir bitten dich um Verständigung. Hilf uns, dass wir uns gegenseitig achten und voneinander lernen. Lass uns auf das schauen, was uns mit Israel verbindet. Gib uns Mut, jedwedem Hass entgegenzutreten. Dein Shalom erneuere uns Tag um Tag. Deine Gnade trage uns wie auf Adlersflügeln. Dein Licht bringe uns ans Ziel unseres Weges. Wenn wir einmal vereint in deinem Hause bleiben dürfen, werden wir die unterschiedlichen Wege erkennen, die wir gegangen sind. Bis dahin aber führe uns nach deiner großen Barmherzigkeit.

Psalmvorschlag: Psalm 122,1-9
Epistel: Römer 11,25-32
Evangelium: Matthäus 5,17-20
Liedvorschläge: 302,1.2.8 (Du, meine Seele, singe)
358 (Es kennt der Herr die Seinen)
295 (Wohl denen, die da wandeln)
157 (Lass mich dein sein und bleiben)
171,1.3 (Bewahre uns Gott, behüte uns Gott)

2. Mose 19,1–6, 20. August 2017

 

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