Zwei Hefte der Pastoralblätter gratis Pastoralblätter – zwei Zeitschriften als Fächer

Jetzt kostenlos testen!

Machen Sie sich selbst ein Bild und testen Sie kostenlos zwei Ausgaben oder die Online-Version.
Gratis-Heft anfordern
Test-Zugang freischalten
Herausgeber Gerhard Engelsberger

Gib dich zu erkennen

Sich zu erkennen geben, das ist in Wahrheit das Gegenteil von Gleichgültigkeit.
mehr

Tu das nicht wieder! – Leben im Licht Gottes

Pfarrerin z.A. Christina Gelhaar, Auf der Zange 7, 53721 Siegburg

23. Juni 2013, 4. Sonntag nach Trinitatis, Johannes 8,3-11

Es ist dunkel um sie herum. Orientierungslos stolpert sie Schritt für Schritt vorwärts, angetrieben von den entrüs-teten Rufen ihrer Häscher, den wichtigen Männern von Jerusalem und vielen Schaulustigen. Die scheinen den Weg klar vor sich zu sehen. Es ist ja auch heller Tag - die Dunkelheit, die sie umgibt, kommt von innen. Es ist die Dunkelheit der Angst, der Verzweiflung, der Traurigkeit und der Scham, die nun aus ihr heraustritt und sie vollständig umhüllt. Sie selbst muss den Weg auch nicht erkennen, sie wird getrieben, wahrscheinlich vor die Stadt, dorthin, wo Ehebrecher gesteinigt werden. Sie ist am dunkelsten Punkt ihres Lebens angekommen. Dabei hatte sie gedacht, sie hätte die Dunkelheit endlich hinter sich gelassen, die Dunkelheit ihrer Ehe. War es der Altersabstand, das Desinteresse oder die Tatsache, dass keiner auf den anderen zugehen wollte?

Es gibt viele Gründe für Dunkelheit in der Ehe. Doch dann schien es in ihrem Leben auf einmal heller zu werden. Da war einer, der sich für sie interessierte. Mit dem sie lachen konnte und stundenlang reden. Als es dann nicht mehr nur beim Reden blieb, konnte sie nicht mehr zurück, auch dann nicht, als ihr klar wurde, dass sie jedes Mal neue Dunkelheiten mit in ihre Ehe brachte, wenn sie ihn getroffen hatte.

Wo ist er jetzt eigentlich? Alleine wird sie getrieben, hinaus aus der Stadt. Oder doch nicht? Das ist nicht das Stadttor, das ist das Tor zum Tempel, so viel erkennt sie in einem lichten Moment. Was haben sie nur mit ihr vor? Sie vermag es nicht zu verstehen, und wieder senkt sich die Dunkelheit auf sie herab.

Vorne im Tempel steht Jesus und spricht mit seinen Freunden. Er sieht die Menge auf sich zukommen wie eine dunkle Wolke. Aufgebrachte Menschen drängen eine Frau vor sich her und stellen sie vor ihn hin. Sie bringen ihre Anklage vor, fordern eine Stellungnahme. Wird Jesus sich an das Gesetz halten oder für die Frau einstehen? Doch Jesus überrascht sie alle mit seinem scheinbaren Desinteresse: Er bückt sich und beginnt, in den Staub zu schreiben. Ein Ablenkungsmanöver? Oder versucht er sich dem Dilemma zu entziehen? Will er Zeit gewinnen? Oder schreibt er das vor sich auf den Boden, was er in den Menschen sieht, die zu ihm gekommen sind, ihre jeweils eigenen Dunkelheiten? Schreibt er ihre Namen auf, so wie der Prophet Jeremia es gesagt hat: „Die Abtrünnigen müssen auf die Erde geschrieben werden“(Jer 17,13)?

Die Pharisäer und Schriftgelehrten lassen sich davon nicht verunsichern, sie drängen Jesus ihre Frage weiter auf. Seine Antwort macht sie dann aber doch nachdenklich: „Wer von euch ohne Sünde ist…“, wer keine Dunkelheiten in sich trägt, der mag das Urteil über diese unglückliche Frau vollstrecken, über diese Frau, die in ihre Sünde verstrickt ist, in ihrer tiefen Dunkelheit gefangen.

Als Jesus sich wieder bückt und weiterschreibt - was schreibt er da nur? -, werden die Menschen ihrer eigenen Dunkelheiten gewahr, ihrer eigenen Verfehlungen, Übertretungen, Sünden. Bestürzt wenden sich die Ersten um. Es sind die, die den Bund der Ehe auch nicht immer so hoch gehalten haben, die aber nicht erwischt worden sind. Die Sensationslustigen folgen ihnen. Sie haben sich der aufgebrachten Menge nur angeschlossen, weil sie etwas Aufregendes erleben wollten, weil eine Steinigung Abwechslung in ihren Alltag bringt. Jetzt schämen sie sich.

Zuletzt ziehen sich auch die Schriftgelehrten und Pharisäer zurück. Ihnen ist das Schicksal der Frau von Anfang an gleichgültig gewesen. Sie haben nur nach einer Möglichkeit gesucht, Jesus zu überführen als einen, der sich gegen das Gesetz stellt, damit sie ihn anklagen und beseitigen können. Nun aber sind sie auf sich selbst zurückgeworfen. Auf der Suche nach ihren eigenen Sünden erkennen sie ihre eigenen niederen Beweggründe, derentwegen sie die Ehebrecherin gepackt hatten. Gleichzeitig beginnen sie schon, die Entscheidung Jesu in Frage zu stellen: Wenn wirklich nur der richten kann, der ohne Sünde ist - dann kann doch niemand mehr gerichtet werden. Dann haben die Verbrecher freie Hand. Doch im Moment steht ihnen nicht der Sinn nach einer Disputation, zu sehr sind von Selbsterkenntnis betroffen.

Als sich die Menge zurückzieht, klart der Blick der Frau zunehmend auf. Sie erkennt, wo sie ist, und sie beginnt zu verstehen, warum man sie hierher gebracht hat. Sie steht vor dem Wunderheiler und Prediger Jesus, der sich gar nicht für sie und ihr Verbrechen zu interessieren scheint. Er kritzelt mit seinem Finger auf dem Boden herum, sie beobachtet ihn dabei. Nach einer Weile richtet er sich auf, schaut sie an, dann dorthin, wo vorhin noch die Menge stand, dann wieder zu ihr.

Jesus spricht die Frau an: „Wo sind sie?“ Keiner hat es gewagt, das Urteil zu vollstrecken, alle sind nachdenklich hinausgegangen. Warum ist sie selbst nicht einfach weggelaufen, als ihre Ankläger fort waren und Jesus nicht auf sie achtete? Sie hat gar nicht darüber nachgedacht. Sie ist irgendwie fasziniert gewesen von ihm, sie musste einfach stehen bleiben, darauf warten, dass er sie ansah. Es geht etwas von ihm aus, denkt die Frau, etwas Helles und Freundliches. Er wird wohl keinen Stein nach ihr werfen, obwohl er das Recht dazu hätte. Und Jesus blickt sie an, und er scheint in ihr Innerstes sehen zu können, er scheint ihre Traurigkeit, ihren Schmerz, ihre Einsamkeit anzusehen. Und er richtet sie nicht, sondern entlässt sie mit einer Aufforderung: „Sündige hinfort nicht mehr!“ Begib dich nicht selbst wieder in die Dunkelheit hinein, sondern suche das Licht, auch wenn alles um dich herum finster zu sein scheint.

Benommen wendet sie sich zum Gehen. Die Dunkelheit um sie herum löst sich weiter auf, und kurz bevor sie durch das Tor des Tempels ins Freie tritt, hört sie hinter sich die Stimme Jesu, als er zu seinen Freunden sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12)

Das Licht der Welt trifft auf die Dunkelheiten des menschlichen Lebens. So lautet die Kurzfassung dieser Geschichte, wenn wir sie von dem Vers aus lesen, der sich direkt an unseren Predigttext anschließt: „Jesus spricht: Ich bin das Licht der Welt.“

Das Licht der Welt trifft auf unsere Dunkelheiten - so geht es allen Menschen, die Jesus begegnen, die Gott suchen, damals wie heute. Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen uns und Gott: Er ist der Eine, der Reine, der Heilige, der Vollkommene, das Licht der Welt eben. Wir aber sind oft innerlich zerrissen, wir wissen ganz genau um unsere Unvollkommenheiten, um unsere Schwächen und Fehler; wir sind „Schattenwesen“.

Wenn wir Gott begegnen, dann werden unsere eigenen Unzulänglichkeiten noch deutlicher, sein Licht deckt die dunklen Flecken in unserem Leben auf. Das ist der Grund, warum wir uns zu Beginn eines jeden Gottesdienstes auf die Begegnung mit ihm vorbereiten, ihn um sein Erbarmen bitten, damit er wegräumt, was zwischen uns steht.

Auf solch eine Vorbereitung können wir verzichten, wenn wir uns mit unseresgleichen umgeben. Sicher, wir machen nicht alles richtig, verhalten uns moralisch nicht immer ganz korrekt, aber „das machen doch alle so“. Diese Einstellung ist äußerst beruhigend und erlaubt uns, ohne schlechtes Gewissen das eine oder andere kleine Unrecht zu begehen. Und dabei haben wir das Gefühl, gute Menschen zu sein.

Besonders gut fühlen wir uns, wenn wir jemanden finden, auf den wir mit dem Finger zeigen können. Hast du schon gehört: Der hat in seiner Doktorarbeit seitenweise abgeschrieben! Das ist doch unerhört! Und die auch! Wer hätte das gedacht! Und der da hat sich einen billigen Kredit erschlichen und es dann nicht zugegeben. So ein Lügner! Es stärkt das Wir-Gefühl ungemein, wenn wir gemeinsam über andere hetzen und sie verurteilen. Doch wer so hetzt, wie es damals die Menge mit der Ehebrecherin tat, der entfernt sich vom Licht des Lebens, der steht mit einem Bein schon in der Finsternis.

Es geht sicherlich nicht darum, die erwiesenen Vergehen anderer zu beschönigen - das tut nicht einmal Jesus selbst. Wenn er zu der Frau sagt: Sündige hinfort nicht mehr, bezeichnet er ihr Vergehen deutlich als Sünde. Denn Ehebruch - oder ein Seitensprung, wie wir heute lieber sagen, weil es nicht so hart klingt - zerstört Leben, das Leben von Ehepartnern, von einer Familie, zerstört Hoffnungen und macht die Zukunft schwer. Alles, was Leben zerstört, trennt uns von Gott, der ein Gott des Heils und des Lebens ist. Als Nachfolger Jesu dürfen wir mutig das Unrecht beim Namen nennen.

In der Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin erkenne ich einen Dreischritt, den ich mir für mich selbst und im Umgang mit anderen merken will:
Ich verurteile dich nicht -
aber tu das nicht wieder -
und du wirst dem Licht des Lebens Raum geben!
Aus der Perspektive des Menschen klingt das so, wie Manfred Siebald es in einem Lied singt:
„Jesus, zu dir kann ich so kommen, wie ich bin.
… Jesus, bei dir muss ich nicht bleiben, wie ich bin.
Nimm fort, was mich und andere zerstört.
Einen Menschen willst du aus mir machen, wie er dir gefällt, der ein Brief von deiner Hand ist, voller Liebe für die Welt.“

Eingangsgebet:
Gott, Licht der Welt,
die Nacht liegt hinter uns.
Wir hatten Sorgen, Trauer, Ärger.
Sie machen uns das Leben schwer,
sie schieben sich zwischen dich und uns.
Wir bitten dich:
Wende uns dein Antlitz zu,
lass dein Angesicht leuchten über uns,
damit die Dunkelheiten keine Macht über uns haben.
Lass uns in deinem Licht leben,
heute und für alle Zeit.

Fürbittengebet:
Gott, unser Vater,
deine Liebe macht unser Leben hell und schön.
Wir bitten dich für die Menschen, die von Dunkelheit umgeben sind,
für die, die unter Krieg und Unterdrückung leiden,
die ohnmächtig mit ansehen müssen, wie ihr Leben zerstört wird:
Lass dein Angesicht leuchten über ihnen,
lass Frieden werden und Freiheit erstehen.
Wir bitten dich für die Menschen, die von Dunkelheit umgeben sind,
für die Bedrückten und Trauernden,
deren Seele verletzt wurde, die einen großen Verlust beklagen
und kein Licht am Horizont sehen können.
Lass dein Angesicht leuchten über ihnen,
schenke ihnen Heil und Trost.

Psalmvorschlag: Psalm 42 (alternativ: Psalm 139)
Evangelium: Lukas 6,36-42 (alternativ: Predigttext)
Lesung: 1. Petrus 3,8-17
Liedvorschläge: 161 (Liebster Jesu, wir sind hier)
235 (O Herr, nimm unsre Schuld)
428,1.2.5 (Komm in unsre stolze Welt; Wochenlied)
353,1-4 (Jesus nimmt die Sünder an)
347 (Ach, bleib mit deiner Gnade)