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Herausgeber Gerhard Engelsberger

Gib dich zu erkennen

Sich zu erkennen geben, das ist in Wahrheit das Gegenteil von Gleichgültigkeit.
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Tanz ums Feuer

Pfarrer Jochen Lenz, Schulstr.1, 99735 Großwechsungen

24. Juni zum Johannistag, Lukas 3,16

Ich mache hart, ich mache weich; ich mache arm, ich mache reich; man liebt mich, doch nicht allzu nah. Zu nah wird alles aufgezehrt, doch stirbt der, der mich ganz entbehrt.
Ein guter, alter Rätselreim. Um was geht es? Um etwas, was noch viel, viel älter ist: um das gute, alte Feuer.

Niemand kann Feuer sagen, ohne zugleich Feuer zu denken. Ich jedenfalls sehe eines vor mir, jetzt an diesem Tag, zu diesem Abend, ein Johannisfeuer. Ein Lagerfeuer. Riesig stelle ich es mir vor. Aufgeschichtet fast bis zum Himmel, ein Berg von alten knorrigen Stämmen und Ästen, umkleidet, ausgestopft mit Unmengen an Reisig und Grünverschnitt.

Menschen aus den umliegenden Dörfern strömen hinauf zur Anhöhe über dem Tal. Weithin soll es leuchten, das Feuer, seht her, bald verzehrt es sich, bald spricht es zu euch! Von kürzer werdenden Tagen kündet seine Botschaft zur Sonnwendzeit, aber auch von unbändiger Kraft, von der Urgewalt eines Lichtes, das sich in letzter Leidenschaft für euch verzehren wird.

Da nähert sich auch schon ein alter, gebeugter Landwirt, fast so alt wie die trockenen Stämme selbst mit ihrem Astbruch. Der Alte beugt sich zu dem Holzstoß. Ein Funke fliegt durch die Luft, schnell, viel zu schnell durch den Schatten des Abends, der sich über Berg und Tal gelegt hat. Ein Funke nur, dann geschieht lange Sekunden, minutenlang nichts.

Der alte Landwirt entfernt sich wieder. Ein dichter Kreis aus Menschen drängt sich um den aufgeschichteten Berg. Flüsternde Stimmen suchen aufgeregte Kinder zu beruhigen: Es brennt, du kannst es nur noch nicht sehen. Warte nur, du wirst es gleich erleben!

Schon sucht sich erster Rauch seinen Weg aus dem trockenen Grün, schlägt eine Schneise in den Kreis der Besucher, die ihm schweigend Platz machen und eilig aus der Windrichtung treten. Ein Knistern im kleinen Geäst ist zu hören; erstes Holz, das Feuer gefangen hat, beginnt sogar zu pfeifen. Funkenregen sprühen, Hände legen sich schwer auf Kinderschultern, spring ja nicht hin, das ist jetzt gefährlich!

Schon brechen die Flammen durch das Holz und Grün, lecken in die Nacht, kriechen den Berg hinauf. Ein Meer aus Gelb und Glut tanzt in den Nachthimmel, Funken zerstieben ins Nichts.

Bewegung kommt nun auch in die Menge. Der brennende Berg spuckt Wärme aus; wer zu nahe steht, spürt sie heiß auf dem Gesicht, auf der Brust, auf den Beinen, weicht zurück, Schritt für Schritt, zögernd, mancher springend, um sich in Sicherheit zu bringen, prallt gegen die Vorsichtigen, die von hinten langsam nach vorne wollen.

Bald haben alle ihren Platz gefunden; Gesichter und ausgestreckte Hände empfangen die angenehme Wärme des Feuers. Rauch lässt sich auf Haaren und Kleidern nieder, faszinierend steigt der Duft nach brennendem Kräutergrün und Tannennadeln in die Nasen, mischt sich in Köpfen und Seelen mit der Musik, die einsetzt. Die Kinder machen den Anfang und kreisen tanzend um das hoch auflodernde Johannisfeuer, bald legen auch Fremde einander die Arme um die Schulter und begleiten die Kinder unter lauten Rufen um das Meer aus Gelb und Glut. Feuerlicht wirft seinen Schimmer in die Gesichter der Tanzenden. Verliebte treten herzu, Hände suchen und finden sich. Warte noch ein wenig, bis es weiter heruntergebrannt ist, dann springen wir. - Jetzt noch nicht? - Nein, jetzt noch nicht. Jetzt habe ich noch Angst.

Niemand kann Feuer sagen, ohne zugleich Feuer zu denken. Niemand kann Feuer denken, ohne sich zugleich an eines oder mehrere Feuer im eigenen Leben zu erinnern. Für solcherlei Unvergessliches hat unsere Sprache sogar eine feurige Ausdrucksform gefunden: Manches hat sich uns eingebrannt. Und vieles von diesen unauslöschlichen Worten, Bildern, Erinnerungen hatte tatsächlich mit Feuer zu tun.

So erinnere ich mich an einen späten Nachmittag. Vielleicht war ich vier Jahre alt, ich stand mit meiner Mutter auf dem Balkon, wir blickten über das Tal hinüber zum anderen Dorfteil, in dem ein Haus in hellen Flammen stand. Ob irgendwer davon gesprochen hat, dass an jenem Tag Menschen oder Tiere darin verbrannt sind, erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber an das andere: dass meine Kinderhand die Hand der Mutter suchte und ich sie fragte: Du stirbst doch nicht, Mama, oder? - Und sie blickte mich an, strich mir über den Kopf und sagte: Irgendwann werde auch ich sterben, aber jetzt noch nicht. - Noch ganz lange nicht!, rief ich und klammerte mich an sie.

Ein paar Jahre später: Mein erstes Lagerfeuer, ein Klassenausflug in der Grundschule. Es regnete zum Gotterbarmen. Wir liefen tropfend durch den Wald zu einer Lichtung. Ein großer, ein bärtiger Mann in Grün, Förster oder Jäger, hatte es trotz der Nässe geschafft, uns ein Lagerfeuer zu entzünden. Wir hielten Stockbrot in die Flammen, kalt lief das Regenwasser in die ausgestreckten Ärmel unserer kleinen Öljacken. Ich konzentrierte mich so sehr auf die Bahn des Wassers meinen Arm hinauf, dass mein Stockbrot darüber schwarz wurde. Um wenigstens meine Tränen zu trocknen, bekam ich das Brot meiner Lehrerin. Nie hat mir ein Brot besser geschmeckt.

Wir tragen unsere Erinnerungen an das Feuer unauslöschlich bei uns. Ich erinnere mich an den minutenlangen Blick in den Kachelofen meiner Großeltern, die Faszination anmutig tanzender Flammen auf trockenem Holz und das geheimnisvolle Glühen von Kohlen, das ich durch die Luftspalten beobachten durfte, aber ebenso stark an die vielen kleinen Gartenfeuer zu Studentenzeiten. An die Lieder zur Gitarre, die wir mit den Flammen in die Nacht hineinwarfen. An das kurze Aufflackern des Feuers in den Augen der Studentin neben mir, in die ich mich nur dieses kleinen Augenblicks wegen unsterblich verliebte. Als wir auseinandergingen, klopfte mir ein Freund lachend auf die Schulter: Verbrenn dich nur nicht!

Die jüngste Erinnerung, die sich mir eingebrannt hat, gehört der Fahrt durch ein kilometerlanges Waldbrandgebiet im Norden Spaniens, nur wenige Tage nach der Urkatastrophe, die die Pyrenäen im letzten Sommer heimgesucht hat. Bilder und Erschrecken drängten sich beim Fahren zwischen den Geruch nach verbrannter Erde und die trostlos kahlen Bäume und Felder, Bilder, wie sie wohl einst große Weltkriege in manchen Gegenden hinterließen, Bilder der Apokalypse, Bilder von schrecklicher Gewalt zwischen Menschen; Bilder auch von Bücherverbrennung, vom Brand von Synagogen, von brennenden Zwillingstürmen traten zwischen die toten Zweige.

Niemand kann Feuer sagen, ohne zugleich Feuer zu denken. Niemand kann Feuer denken, ohne sich zugleich wenigstens an ein Feuerbild zu erinnern, das sich der Erinnerung eingebrannt hat.

Wenn ich meine Bibel aufschlage und darin von Feuer lese, nehme ich meine Bilder von Feuer immer in das Lesen und Verstehen hinein.

Ich lese auch hier vom verzehrenden Feuer infolge von Katastrophen und Kriegen, vom unbändigen Feuer, das Landschaften und Städte in glimmende Trümmerwüsten verwandelt. Schon liegt meine Hand schwer auf der Schulter des Sohnes: Spring ja nicht hin, das ist zu gefährlich!

Ich lese von einem Feuerofen, in den man einst Daniel und seine Freunde warf, ahne die Hitze, die sich ihnen auf die Haut legte, die ihnen den Atem rauben musste, und kann selbst erst wieder ausatmen, als sich die Tür öffnet und alle unversehrt aus dem Glutofen wieder herauskommen. Noch nicht einmal ein Härchen ist ihnen gekrümmt.

Mitten im schier unerschöpflichen Ideenvorrat an Feuermissbrauch von Menschen gegen Menschen lässt Gott uns im Feuer seine leidenschaftliche Macht und seine Barmherzigkeit aufflackern.

Gott und das Feuer, eine durch und durch leidenschaftliche Beziehung. Gott und seine Menschen, eine durch und durch feurige Angelegenheit. Und mitten darin du und ich, in Bildern und Erfahrungen, die sich uns einmal unauslöschlich eingebrannt haben.

Der Rauch dieser Beziehung von Gott und Mensch und dir und mir ist in der ganzen Schrift zu schmecken.

Er umweht bereits den brennenden Dornbusch, aus dem ein leidenschaftlicher Gott mit dem nicht weniger leidenschaftlichen Mose einen Disput auf Leib und Leben führt. Ich werfe meine Fragen mit dem alten Mose in die Flammen und höre als Antwort nichts als ein „Ich will mit dir sein“.

Er zieht als Feuersäule zur Nacht ein suchendes Gottesvolk mit sich in die Freiheit. Ich tippele hinterher.

Er lässt mich mit Petrus frühmorgens am Feuer sitzen und das Krähen eines Hahnes und meine Lebenslügen zählen.

Er lässt meine Zunge den Geschmack von Feuer und Rauch schmecken, wenn ein Pfingstfest naht und der Geist wie Zungen, von Feuer zerteilt, sich uns Menschen wieder von Neuem zuwendet.

So lässt der Rauch dieser Beziehung von Gott und Mensch und dir und mir Gottes Stimme erahnen beim Blick in jedes Lagerfeuer, er lässt im Tanz der Flammen manch Lebensfrage erlöschen, manch andere auflodern, führt zu Erinnerungen, Bildern, leuchtet neue und alte Wege in biblischen Gestalten und in mir und dir aus.

Auch Johannes, zu dessen Tag wir heute Lagerfeuer entzünden, in die Flammen blicken, unsere Hände auf Kinderschultern legen oder die Hand von Verliebten suchen, dieser Johannes gibt uns ein starkes Feuerbild mit auf den Weg, wenn er sagt: Es kommt einer, der ist stärker als ich; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.

Wie der Vater so der Sohn. In Gottes Leidenschaft verzehrt sich auch Jesus für seine Menschengeschwister, mit einem Leben, das ins Feuer blickt, das Flammen und Rauch zum Himmel wirft, das sich verzehrt und einbrennt in die, die sich von ihm berühren lassen. Spätestens seit dem Ostermorgen ein Leben rund um ein Feuer wie ein Versprechen - auf eine bleibend feurige, leidenschaftliche und darin unverschämt barmherzige Geschichte zwischen Gott und Mensch und dir und mir.

Ein Leben rund um ein Feuer, das von Kindesbeinen an Fragen weckt um Leben und Tod und sich an Gott klammert wie an das Bein der Mutter.

Ein Leben rund um ein Feuer, das mitten in der Beschäftigung mit Regenrinnsalen unter nassen Ärmeln das eigene Stockbrot verkohlen lässt, nur, um dafür ein viel besseres Brot zu reichen, das Brot des Lehrers als Brot des Lebens.

Ein Leben rund um ein Feuer, das sich wenige Sekunden in den Augen einer Frau im Gefolge Jesu spiegelt, nur, damit ein anderer ein paar Augenblicke lang gezeigt bekommt, wie sich das Wörtlein Liebe auf dieser Erde buchstabieren ließe.

Ein Leben um ein Feuer, das sich verzehrt über lange Waldbrandkilometer und in dessen rauchigem Geschmack die Botschaft zu schmecken ist: Verbrenn dich nicht! Und mehr noch: Wehret den Anfängen!

Wohlan, entzündet solche Feuer, die sich für das Leben verzehren! Und helft die anderen löschen, die das Leben ersticken!

An einem Feuer für das Leben will ich mich gerne einfinden und hineinblicken. So schaffen wir Raum dem leidenschaftlichen Gott und seinem leidenschaftlichen Sohn, der sich für seine Menschengeschwister verzehrt und euch in Barmherzigkeit mit dem Geist eines leidenschaftlichen Feuers getauft und beschenkt hat.

Lieder zur Auswahl: 136,1.6.7 (O komm, du Geist der Wahrheit)
255 (O dass doch bald dein Feuer brennte)
378,1.3.5 (Es mag sein, dass alles fällt)
Wie ein Fest nach langer Trauer (Gesangbuch Baden/Elsass/Lothringen, 666)
Komm, heilger Geist (Gesangbuch Bayern/Thüringen, 564)