| Der Monatsspruch im Juli 2010
So bekehre dich nun zu deinem Gott,
halte fest an Barmherzigkeit und Recht und hoffe stets auf deinen Gott.
Hosea 12,7
Pfarrerin Dr. Elisabeth Grözinger, Thiersteinerrain 134, CH-4059 Basel
Es ist der Ton, der die Musik macht. Auch die biblische
Überlieferung wird erst durch die Art lebendig, in der sie artikuliert wird.
Unseren Hosea-Spruch kann man streng zur Sprache bringen oder aufmunternd laut
werden lassen. Man kann ihn als Aufforderung präsentiert bekommen oder als
Ermutigung.
Was Hosea ursprünglich mit seinen Worten auslösen wollte, lässt sich nicht mehr
exakt feststellen.
Der Prophet lebte vor mehr als 2700 Jahren. Er haderte mit der religiösen
Entwicklung in seiner Umwelt. Man wollte sich damals nicht auf eine einzige
religiöse Leidenschaft festlegen. Hosea, dessen eigene Ehe von Demütigung
gezeichnet war, verglich sein Volk mit einer Frau, die ihren Mann betrügt. Aber
er äußert sich nicht nur bitter-kritisch. Es findet sich im Hoseabuch auch
Versöhnliches. Es wird auch die Zuversicht laut, dass die Menschen die Beziehung
zu ihrem Gott in Ordnung bringen.
Unser Monatsspruch könnte durchaus bereits mit einem ermahnenden Akzent auf die
Welt gekommen sein. Er könnte jedoch auch von Anfang an mit einer aufmunternden
Note formuliert worden sein.
Die aufbauende Lesart des Textes ist wohl heute die bedeutsamere.
Ich versuche also den Spruch nicht als autoritären Aufruf, sondern als Bitte
eines Menschen zu verstehen, dem nichts übrig bleibt, als an die
Entwicklungsfähigkeit seines Gegenübers zu appellieren.
Gebieterische Sprüche richten sowieso wenig aus; wohlmeinende Appelle stoßen
allerdings auch auf taube Ohren. Hoseas Spruch mag sanft intoniert werden; er
hat trotzdem kaum Chancen, sich zu einem Hit zu entwickeln, mit dem wir etwas
anfangen können.
Biblische Sprüche müssen keine Hits werden. Aber wir sollten mit
ihnen etwas anfangen können. Nun gibt es eine Alternative zu den vorgestellten
Lesarten des Hoseaworts. Die steht in der „Zürcher Bibel“. Da wird unser Text so
übersetzt: „Und du wirst mit deinem Gott zurückkehren. Achte auf Gnade und
Recht, und hoffe immer auf deinen Gott!“
Auch diese Formulierung kann man unterschiedlich verstehen – als tröstliche
Vorhersage oder als Zusage. Mit Zusagen kann ich etwas anfangen; bei Vorhersagen
dagegen bin ich skeptisch, weil ich nicht weiß, ob Vorhersagen überhaupt möglich
sind.
Mit Zusagen und mit Empfehlungen, die nichts weiter sind als ein Angebot, kann
ich etwas anfangen. Zusagen und Empfehlungen, die mich zu nichts zwingen,
bewirken in mir nämlich Empowerment, was ich mir mit „Erkräftigung“ übersetze.
Zusagen und Empfehlungen, die Empowerment bewirken, können mir zuflüstern: „Du
hast das Potenzial, dein Ziel zu erreichen. Deshalb wirst du dein Ziel
erreichen.“ Zusagen und Empfehlungen, die Empowerment bewirken, kann ich
wahrnehmen, als sagte mir jemand ins Ohr: „Ich kenne deine Ressourcen. Ich zeige
dir Möglichkeiten, dein Ziel zu erreichen.“ Bei solchen Zusagen oder
Empfehlungen habe ich den Eindruck, dass Zuwendung zu mir und zu sonst niemandem
im Spiel ist.
Hosea zeigt sich als verletzter Ehemann. Ob er auch ein Liebender
war, der an der Erkräftigung der geliebten Frau interessiert war, das sei
dahingestellt. Die biblischen Worte, die ihm zugeschrieben werden, aber können
wir heute hören, als seien sie von einem Liebenden gesprochen. Von einem, der
allen Geschöpfen das Potenzial zutraut, zum Weg der Liebe zu finden.
Wirklich Liebende sind nicht blind. Sie versuchen, überlegt
und verantwortungsbewusst zu reden. Sie wollen ja die nicht enttäuschen, die sie
ermutigen. Zusagen, Zusprüche mit Empowermenteffekt sind in der Regel Sprüche,
die aus solcher Liebe kommen. Darum muss man über solche Sprüche nicht
erschrecken. Man muss sich nicht ermahnt vorgekommen. Man darf sie einfach auf
sich wirken lassen – den Ton der Liebe sogar in Zusagen, die wie Aufrufe
daherkommen. Wo sie – die Liebe – den Ton angibt, darf man ihn auf sich wirken
lassen: diesen Ton – auch wenn er sich rätselhaft gibt, zum Nachdenken anregt
und sich verbirgt in Sprüchen.
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