Pastoralblätter – Predigt - Gottesdienst - Seelsorge - die Praxis

Ausgabe 7-8 / 2017

  • Gottesdienste im Juli und August
  • Drei Trauansprachen
  • Buchtipps für den Urlaub
  • Bausteine: Weg
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Editorial

Airbus

Die Menschen der Bibel kennen nicht Traumschiff, Südsee, Airbus, Catering und Reisebüro. Nirgendwo wird etwas Ähnliches berichtet wie das, was man heute „Tourismus“ nennt. Und dennoch war das damals eine höchst „mobile“ Gesellschaft.

Bei der Erstlingsgabe der Früchte am hohen Fest erinnerten sich jedes Jahr Alt und Jung im sesshaft gewordenen Israel, fast wie in einem Glaubensbekenntnis, ihrer Vergangenheit:
„Ein umherirrender Aramäer war mein Vater. Er ging hinab nach Ägypten, weilte dort als Fremdling, dem nur wenig Leute angehörten; aber er wurde zu einem großen, starken und zahlreichen Volk ...“ (5. Mose 26,5)
Wenn ein Volk sich bei einem Hochfest schon über einen „umherirrenden Vater“ definiert, an anderer Stelle den Auszug aus der Fremde, das Vorübergehen des Todesengels (Passah) und die Befreiung aus der Sklaverei feiert, dann muss es sich um eine „mobile Gesellschaft“ gehandelt haben.
Ja, Mobilität - Aufbruchsbereitschaft - war den Menschen der Bibel in die Wiege gelegt. Und die Zerstreuung (Diaspora) ist bis heute ein religiöses und politisches Drama.

Sie lebten als Nomaden im noch fruchtbaren Streifen zwischen Wüste und Kulturland. Sie zogen mit dem Regen und suchten Weide für ihr Kleinvieh, die Ziegen und Schafe. Rinder und Pferde kannten sie nicht. Während andere Völker schon entlang der Küsten zu Meer fuhren, wanderten die biblischen Alten mit dem Regen auf der Suche nach Grün. Sie lebten in Zelten, nicht in festen Häusern.
Selbst lange nachdem sie im „Gelobten Land“ sesshaft geworden waren, in einfachen Lehm-, Stroh und Steinhäusern lebten, dienten eher der Esel als das Pferd, eher der Karren als der Wagen, eher das Tragetuch als die Sänfte als „Mobiliar“.
Pferde waren dem Militär vorbehalten, meist dem feindlichen. Der Esel war ein vornehmes Fortbewegungsmittel, ritt doch selbst der Messias in Jerusalem auf einem Füllen der Eselin ein, während Gott die Wagen aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem „wegtun“ wird.
Aus neutestamentlichen Zeiten kennen wir des Paulus Reise zu Schiff auf dem Mittelmeer, trotz aller seefahrerischer Kenntnisse immer noch eine gefährliche Unternehmung. Der Kämmerer aus dem Morgenland - heute würden wir sagen: der äthiopische Finanzminister - fährt wohl in einem Reisewagen, aber Jesus und seine Jünger, selbst der Apostel Paulus auf seinen Missionsreisen - sie waren in der Regel zu Fuß unterwegs.

Wie also ist man zu biblischen Zeiten gereist? In der Regel zu Fuß. So schnell eben, wie es die mitziehende Kleinviehherde, die schwangere Frau auf dem Esel, der leere Magen, die Krankheiten oder das Wetter erlaubten. Gastfreundschaft ist in einer solchen Gesellschaft überlebensnotwendig. So ist in Israel das Gastrecht ein Menschenrecht. Man erinnert sich schließlich mindestens am Erntefest daran, dass der eigene Vater ein „umherirrender Aramäer“ war.

Auch heute „steigen wir aus“, wenn wir wirklich „reisen“.
Nicht nur, dass wir „übernachten“. Wir gehen zu Fuß an die Stätten, die uns besonders am Herz liegen. Betreten wir Kirchen oder andere „heilige“ Orte, dann wird unser Schritt langsamer, unsere Stimme leiser. Wenn wir etwas „in uns aufnehmen“ wollen - fast das Gegenteil vom abbildenden Fotografieren - , dann bleiben wir sogar stehen. Als ob die Seele sich erst in aller Stille zurechtfinden müsste. Als ob der Mensch doch eine Ahnung davon bewahrt hätte, dass Außenwelt und Innenwelt in Einklang kommen müssen, wenn eine Reise gelingen soll.

Woran haben sich die Menschen bei ihren Reisen orientiert?
Ich denke, ihre Landkarte war die Erfahrung der Alten.
„Eine Tagereise weit nach Süden triffst du auf einen Bauern mit einer schönen Frau. Er wird dich einladen. Sie wird dir vom Besten aus ihrer Küche auftischen. Aber verweile nicht.“
„Wende dich, wenn du am Fluss angekommen bist, am Mittag gegen die Sonne, dann triffst du auf einen Fährmann, der gerne Geschichten erzählt.“
„Wenn du vor dem Gebirge mit den weißen Gipfeln an einen Steinhaufen kommst, dann lege selbst einen Stein auf die anderen und halte inne. Denn wer hier nicht innehält, wird den Weg verlieren. Du aber wende dich eine Tagesreise und eine halbe zur Wüste, dann wirst du zum ,Brunnen des Friedens’ gelangen. Dort weist dir ein einäugiger Hirte den Weg.“

So oder ähnlich mag es geklungen haben, wenn sich die Jungen auf den Weg machten und den Rat der Alten einholten. Die Landkarte war die Erfahrung der Alten. Sonne, Sterne, Flüsse und Berge wiesen den Weg.

In diesem Zusammenhang taucht dann doch ein Reisemotiv auf jenseits von Hunger, Flucht, ökonomischer oder politischer Notwendigkeit:
Der Weise, auf dessen Rat man hört, der etwas zu sagen hat, muss gereist sein:
Wer sich aber vorgenommen hat, über das Gesetz des Höchsten nachzusinnen, der muss die Weisheit aller Alten erforschen und in den Propheten studieren. Er muss die Geschichten berühmter Leute kennen und über die Sprüche nachdenken, was sie bedeuten und lehren. Er muss den verborgenen Sinn der Gleichnisse erforschen und mit Rätselsprüchen vertraut sein. Der kann den Fürsten dienen und vor den Herren erscheinen. Er durchzieht fremde Länder; denn er sucht zu erfahren, was bei den Menschen gut und böse ist. Er denkt daran, in der Frühe den Herrn zu suchen, der ihn geschaffen hat, und betet vor dem Höchsten. Er tut seinen Mund getrost auf und betet für seine Sünden. Und wenn es dem großen Gott gefällt, so gibt er ihm den Geist der Weisheit reichlich. Er kann weisen Rat und Lehre geben in Fülle, dafür dankt er dem Herrn in seinem Gebet. Er richtet sein Wollen und sein Wissen darauf, die Geheimnisse des Herrn zu verstehen. Danach gibt er seine Belehrung und rühmt sich des Gesetzes des Herrn. Und viele preisen seine Weisheit, und sie wird niemals untergehen. (Jesus Sirach 39,1-12)

Wenn wir heute so schlicht von „Weg“ oder „Wegen“ reden, unter uns über der äußeren und inneren Mongolei aus dem Flieger Wege und Straßen sehen, den „Traumpfaden“ in Australien auf der Spur sind, den „Jakobsweg“ gehen oder wo immer die Weite suchen, dann bleibt mir eine deutsche Einsicht:
Die Holzwege von früher sind heute Landes- und Bundesstraßen.

Gott schenke Ihnen auf Ihren Ferien- und Urlaubswegen gute Erfahrungen, Erholung und Lebensfreude. Und er segne Sie mit Vertreterinnen und Vertretern bei Gottesdiensten und Kasualien, die Freude am Dienst haben, wenn andere sich erholen.

Gerhard Engelsberger

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