Pastoralblätter – Predigt - Gottesdienst - Seelsorge - die Praxis

Ausgabe 9 / 2017

  • Gottesdienste im September
  • 3 Alternativpredigten
  • 3 Kasualansprachen zu "Jubelhochzeiten"
  • Bausteine: Lyrik
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Editorial

Lyrik predigen

Viele von uns nützen die Vielfalt der Lyrik im deutschen Sprachraum oder in Übersetzungen für die Gestaltung von Predigten. Poesie und Predigt haben eh genetisch eine große Nähe.

Gerne möchte ich - in unregelmäßiger Reigenfolge - in den PASTORALBLÄTTERN 2018 ­Alternativpredigten veröffentlicht wissen, die sich nicht an einem biblischen Text, sondern an einem Gedicht als „Textvorlage“ orientieren.
Einerseits braucht man ja immer etwas, was die Neugierde weckt und entsprechend medial einlädt. Zum Zweiten fällt mir ein häufiger Verweis auf Lyrik in unseren Predigten auf - und ich rechne hier die Poesie einfach einmal zu den „schönen Künsten“, die ihren Teil am Glanz dieser Welt haben -, und zum Dritten kann man von der Etymologie her ruhig einmal den Begriff „Poesie“ etwas „homiletisch strapazieren“.
Die drei Begriffe Poesie, Predigt und Glanz bringt Martin Heidegger in seinem Traktat „Hebel der Hausfreund“ zusammen: „Ein Dichter, der predigt ist ein schlechter Dichter; es sei denn, dass wir das Zeitwort predigen nachdenklicher verstehen. Predigen ist das lateinische praedicare. Das heißt: etwas vorsagen, dadurch kundtun, dadurch rühmen und so das zu-Sagende in seinem Glanz erscheinen lassen. Dieses ,predigen‘ ist das Wesen des dichterischen Sagens.“ (M. Heidegger, Hebel der Hausfreund, Pfullingen 1991, S. 20) „Das zu-Sagende in seinem Glanz erscheinen lassen ...“ - das wäre mir ein Predigtziel ersten Ranges.
Herrn Prof. Gehring, der Prof. Grözinger auf dessen Vorschlag nachfolgt für homiletische Beiträge, bin ich dankbar für seinen Beitrag „Sonntägliche Sprache. Über Lyrik in der Predigt“ (siehe unten „Predigt im Gespräch“).

Predigen - Schöpfung (poiesis) durch sein Wort
Die griechische Philosophie hat - zumindest Platon und einige andere - das Schaffen Gottes poiema genannt, oder poieses. Gott ist ein poietes, ein „Dichter“, ein „Schöpfer“, einer, der den Urstoff aus dem Chaos in den Kosmos überführt. Chaos: die Urmasse, der unendlich leere Raum; Kosmos: der Schmuck, erst dann die Welt. Die Septuaginta und auch das Neue Testament haben das Verb poieo z. T. übernommen für Gottes Schöpferhandeln. Gott schafft - wie es Martin Buber übersetzt - aus Irrsal und Wirrsal, aus Tohuwabohu seine Schöpfung, durch sein Wort.
Prediger und Predigerinnen können nicht zaubern, aber sie können helfen, den Glanz zu entdecken.

Ich will damit nicht sagen, dass Exegese und Systematik unnötig oder unwichtig seien. Es kann durchaus auch einmal eine exegetische oder systematische Entdeckung sein, die mir dieses Licht aufsetzt. In der Regel ist aber der historisch-kritische Claim ziemlich abgelesen, Goldstaub ist mehr als rar. Die Bibel ist von Gräben durchzogen, von tiefen Sezierschnitten; schwerste Eingriffe ohne Betäubung; Schichten sind abgetragen, und jeder nennt sie anders: E, J, P, Deuteronomist, echter Paulusbrief, unechter Paulusbrief u. a. m.
Wie sind heute beide exegetischen Fächer wieder so offen und in Bewegung, und wir tun manchmal so, als sei nichts geschehen.
Und die Systematik? Gleicht sie nicht einem Steinbruch, aus dem man nach und nach Steine aus den Abbruchhäusern von Barth, Tillich, Weber und anderen holt, um neue Häuser zu bauen?
Meine Gedanken legen es nahe, auch an eine „dichtere Sprache“ zu denken. Was ich schreibe, sollte eigentlich schon gesprochenes Wort sein, mit dem besonderen Klang des gesprochenen Wortes. Ich rate all denen, die mich bei ihrem Predigen um Rat fragen, zu einem „lauten“ Predigtschreiben. Tür zu. Sprechen. Und das Gesprochene festhalten.
Man muss den Worten abspüren, dass sie echt sind. Mein Text muss schon einen „Klang“ haben, muss irgendwie „glänzen“. Muss mehr sein als eine Abhandlung. Muss eigentlich schon religiöses Wort sein, nicht theoretische Richtigkeit, sondern meine existenziell verantwortete und begründete „Wahrheit“.
Es kommt entscheidend darauf an, dafür Sensibilität zu entwickeln, wo die biblischen Texte uns bergen. Dann beginnt ein Text zu klingen

Nähe
Ein weiteres Moment ist mir neben der (und eigentlich vor) der Gestaltung der Predigt wichtig: die Nähe. Die Menschennähe. Der direkte Draht vom Ich zum Du. Der direkt gespürte, nicht aufgesetzte oder vorgetragene Draht. Ein Kollege hat mich vor Wochen darauf hingewiesen, wie schwer es Prädikantinnen und Prädikanten haben, die nicht Gemeindepfarrerin und Gemeindepfarrer, aber auch nicht der „Klerus minor“ sind. Sie gehen nicht aus und ein bei den Gemeindegliedern. Sie haben meist wenige Kasualien zu halten. Man erkennt sie selten auf der Straße, weil sie an anderen Orten wohnen. Sie gehören nicht zum Besuchsdienst - und doch sollen sie auf Augenhöhe sonntags, wenn sie gebeten sind, einen Gottesdienst mit all denen feiern, die sie kaum kennen.
Mir ist dabei klar geworden, dass die Tatsache, dass man Pfarrerinnen und Pfarrer (er)kennt, eben nicht eine Last ist, wie manche stöhnen, sondern ein großes Geschenk, ein „Vorrecht“, ein Privileg.
Lyrikerinnen und Lyriker gehen in der Regel andere Wege: Sie tauchen tief in das eigene Leben, in bislang ungeteilte Erfahrungen. Sie gehen „in sich“. Sind manchmal abgeschieden, allein mit sich. Und weil sie „in sich gehen“, spüren andere eine tiefe Nähe. Ich verstehe, dass es zwei Wege gibt, diese mir so wichtige „Nähe“ zu erleben und auszustrahlen: das „In-sich-Gehen“ der Lyrik und das „Mit-dir-Gehen“ der Seelsorge.
Vielleicht kann ich an einem mir wichtigen Lied und Gedicht von Jaques Prévert deutlich machen, was ich mit beidem meine.

Frühstück
Er goss den Kaffee
In die Tasse
Er goss die Milch
In die Kaffeetasse
Er gab Zucker
In den Milchkaffee
Mit dem kleinem Löffel
Rührte er um.
Und trank ihn
Er stellte die Tasse ab
Ohne ein Wort
Er zündete eine Zigarette an
Er blies Ringe
Aus Rauch
Er streifte die Asche
In den Aschenbecher
Ohne ein Wort
Ohne einen Blick
Er setzte den Hut auf
Er zog den Regenmantel an
Denn es regnete
Er ging
Ohne ein Wort
Ohne einen Blick
Und ich
Schlug die Hände vors Gesicht
Und weinte.

Jacques Prévert: Frühstück. Freie Übersetzung aus dem Französischen Kurt Kusenberg, (; 22. 1. 2005).

In den September-Bausteinen veröffentliche ich eher „unbekannte“ Gedichte, die mir geeignet scheinen, „darüber“ zu predigen. Der erste Text ist eher einer meiner „Lieblingstexte“. Wir alle haben die unsrigen.
Ich hoffe, Sie lassen sich einladen.
2018 werden - so hoffe ich - „Alternativpredigten“ folgen. Dabei sind Recherchen zu Autor/Autorin, Zeit, Umstände, Ort etc. homiletisch ebenso wichtig wie bei Bibeltexten.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Frühherbst!

Gerhard Engelsberger

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