Pastoralblätter – Predigt - Gottesdienst - Seelsorge - die Praxis

Ausgabe 12 / 2017

  • Gottesdienste im Advent und zu Weihnachten
  • Kasualansprachen zu EG-Liedern
  • Bild- und Liedpredigten
  • 2 Bausteine-Ausgaben zu Advent/Weihnachten und zum Jahreswechsel
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Editorial

Die Zerbrechlichkeit der Wunder

Ob Weihnachten die Zeit der Engel ist, weiß ich nicht.
Aber die Lieder erzählen davon, die biblischen Geschichten auch.
Bei der Vorbereitung eines neuen Singspiels für den Familiengottesdienst an Heiligabend stöhnte ein Mädchen: „Alles will ich gerne singen oder spielen, aber nicht schon wieder einen Engel. Das war ich jetzt drei Jahre hintereinander.“
Tatsächlich hatte ich in den letzten Jahren meist die, die keine „gescheiten“ Rollen bekamen, dann zu Engeln oder Hirten gemacht. Engel als weihnachtliche Lückenbüßer. In einem anderen Jahr waren sie übrigens alle Schafe. Eine vergleichbare Karriere an Heiligabend. - Engel, Schafe, Hirten ...

Engel sind Grenzgänger.
Engel stehen in der Bibel immer im Weg, immer über­raschend, meist so, dass es zum Fürchten ist.
Engel stehen am Tor zum Paradies.
Engel schützen den Traum vom Paradies.
Engel bewahren die Unschuld.
Engel bewahren den Menschen davor, die eigene Kindheit endgültig zu verspielen, die Heiterkeit, die absichtslose Zärtlichkeit.
Engel schützen Gottes Schöpfungsidee.
Schützen den Menschen vor sich selbst.
Engel bewachen den umfriedeten Raum.
Engel erzählen von der Zerbrechlichkeit der Wunder.

Diesem Motiv werden Sie in der Bibel noch oft begegnen, wenn Sie sie nach Engeln befragen. Engel sind Gottes Streitmacht, schützen seine Sphäre. Und schützen damit auch den Menschen. Er soll sich nicht übernehmen.
Engel lassen Gottes Atem auf der Haut spüren, ohne dass die Berührten von der Wucht Gottes erschlagen werden.
Sie lassen Spuren der Liebe zurück, Wärme in unserem Gesicht, ohne dass wir in Gottes Glut verbrennen.

Der Engel steht vor Josef, dem „betrogenen“ Vater: „Fürchte dich nicht, Maria, deine Frau zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist vom Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“
Der Engel steht vor Maria, dem gutgläubigen Mädchen - wie überhaupt das für mich einzig die „Jungfräulichkeit“ ausmacht, dieses unbescholtene, unerfahrene, naive Ja.
Der Engel reißt die Hirten aus dem Schlaf: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren!“
Der Engel reißt Josef aus dem Schlaf, der mit seiner Familie Schutz und Bleibe sucht: „Steh auf, Josef, nimm das Kind und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten.“

Krisenzeit ist die Zeit der Engel.
Wenn ich mich an der Bibel orientiere, dann sind Engel Grenzgänger.
Engel kennen sich aus mit wunden Seelen.
Engel kennen sich aus mit Gottes Liebe.
Engel kennen sich aus mit menschlichen Schleichwegen.
Engel kommen uns auf die Schliche.
Engel sind Grenzgänger.
Engel erzählen von der Zerbrechlichkeit der Wunder.

Engel in der Bibel führen kein Eigenleben. Sie erschöpfen sich im Auftrag. Kein Wunder, dass wir sie durchscheinend malen, transparent. Sie haben in der Bibel kein Eigenleben.
Sie kommen. Sagen, was zu sagen ist. Sie warnen, sie kündigen an, sie deuten, bringen vom Irrweg zurück auf den Weg. Tragen menschliche Züge, haben Traumgestalt, sind uns flüchtig bekannt, sind uns weitläufig verwandt.
Sie wehren und warnen. Sie schützen und heilen. Aber sie haben kein Leben in dem Sinn, dass sie Geschöpfe mit eigener Natur, eigener Identität wären.

Auch wenn in der Bibel Engel mit Namen genannt werden, es handelt sich bei den biblischen Engeln nicht um überirdische Individuen, eher um Rollen, Funktionen. Wichtige Funktionen an der Grenze zwischen oben und unten - denken Sie an das Hirtenfeld -, zwischen drinnen und draußen - denken Sie an den Engel an der Pforte zum Paradies oder an Petrus im Gefängnis.
Engel künden Neuanfänge, Umbrüche. Engel, die Grenzgänger in Krisenzeiten.
In der Bibel steht, dass Gott keinen allein lässt. Vielleicht doch ein Schutzengel, ein Warn-Engel, ein Behüte-Engel, ein Vorbereitungs-Engel?

Gibt es also doch solche Zwischenwesen zwischen Gott und Mensch? Boten Gottes, die kommen, und kaum sind sie da und haben gesagt oder getan, was zu tun oder zu sagen ist, sind sie auch schon wieder weg.
Eigenartig: Die Spur der Engel verliert sich schnell, wie Spuren im Neuschnee oder Spuren am Strand.
Du willst „danke“ sagen oder „halt, warte“, doch der Engel ist schon wieder weg.
Du denkst kurz nach und willst „aber“ sagen, doch der Engel ist schon wieder weg.

Der Engel ist nicht ein Halbmensch oder ein Übermensch.
Der Engel ist das lebendige Wort Gottes an deiner Seite. Ein Leben lang.
Gottes lebendiges Wort an deiner Seite. Es wird dir gesagt, und dann musst
du es behalten. Die Spur des Engels führt zu dir selbst. Du trägst ihn in dir als gehörtes Wort Gottes.

Der Engel hat Spuren in dir hinterlassen:
Warnungen, Liebesbeweise, Ratschläge, Wahrheiten, Hinweise, Freisprüche, Begnadigungen, Hilfsangebote, Bitten, Lobgesänge und Klagen, Überlebensstrategien und Entschuldigungen, Umwege und Landkarten.

Ob ich an Engel glaube?
Ich habe nicht oft darüber nachgedacht.
Doch dann kommen sie in Erinnerung:
Die Nachbarin, die mich vor dem Erstickungstod rettete.
Der Fremde, der mich warnte.
Der Autoschlosser in Südfrankreich.
Der katholische Nachbarpfarrer, der meine Beichte hörte.
Der Autofahrer, der bremste.
Das Mädchen, das bei Nacht und Nebel Calcium besorgte. Engel.
Und die vielen Gebete, die ich nicht kenne.
Die guten Wünsche und die offenen Türen und die ehr­lichen Warnungen.
Engel.
Nein, da ist in meinem Leben wenig selbstverständlich.
Da ist nicht alles selbst erarbeitet.
An den Netzen, die uns auffangen, haben viele geflochten.
Die Wege, die wir gehen,
sind viele vor uns auf und ab gegangen.
Die Häuser, die uns bergen, haben viele wohnlich gemacht.
Engel erzählen von der Zerbrechlichkeit der Wunder.

Ob ich an Engel glaube?
Ja, wenn Sie so wollen, ich glaube an Engel. Ich kenne meine Grenzen.
Ich sehe die Welt mit offenen Augen.
Und ich höre Gottes Wort mit offenen Ohren.
Deshalb glaube ich an Engel.

Engel seien Grenzgänger, habe ich gesagt.
Engel schlagen an den Grenzen unseres Lebens Brücken, sagt die Bibel.
Manchmal sperren Engel auch Brücken.
Manchmal begegnen uns an unseren Grenzen Engel,
damit wir uns nicht verlaufen.

Die biblische Rede von Engeln hat dann einen Sinn, wenn es den Ort Gottes wirklich gibt.
„Utopie“ ist Griechisch.
„ou topos“ heißt „kein Ort“.
Etwas, was keinen Ort hat, das ist Utopie.

Frieden, verlässliche Liebe, geschützte Räume, eine Antwort auf den Tod - Utopie?
Oder hat das alles schon einen Ort, an den ich zeigen kann: Schau, da ist Frieden! Da ist eine Antwort!
Wir Christen sagen, Jesus Christus sei der Ort Gottes. Das Sensibelste. Das Herz.
Die biblische Rede von Engeln hat dann einen Sinn, wenn es den Ort Gottes wirklich gibt.
Die biblische Rede von Engeln - das ist das Zweite - hat dann einen Sinn, wenn unter der Brücke und unter dem Wasser die beiden Ufer längst miteinander verbunden sind. Drinnen und draußen, oben und unten. Himmel und Erde. Gott und Mensch. Unter der Oberfläche längst eins. Unter der Haut - längst eins.
Wir Christen sagen, das sei so.

Die Dezember-Ausgabe der PASTORALBLÄTTER ist eine der homiletisch und spirituell tiefsten Ausgaben geworden, seit ich vor vielen Jahren die Schriftleitung übernommen habe. Wir geben uns die Mühe, monatlich authentisch, homiletisch überzeugend und spirituell erfrischend von einem Rätsel zu erzählen, das wir nicht selbst lösen. Wir erzählen monatlich von einem Weg, ohne ihn je selbst gegangen zu sein. Erzählen von einer Wucht, die uns erwischt hat oder erwischen wird.
Ganz herzlich danke ich den Autorinnen und Autoren - nicht nur dieser Ausgabe. Beim Korrekturlesen dachte ich: Mensch, was versammelt sich da an ehrlicher, homiletischer und poimenischer „Kunst“ in einem einzigen Monatsheft der PASTORALBLÄTTER Ende 2017.

Adventliche, weihnachtliche, dankbare und herzliche Grüße allen unseren Abonnentinnen und Abonnenten im deutschsprachigen Raum. Möge Gott Raum finden unter uns. Und mögen wir tauglich sein als Herbergseltern. Denn das eine wartet noch auf das andere.

Gerhard Engelsberger

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