Pastoralblätter – Predigt - Gottesdienst - Seelsorge - die Praxis

Ausgabe 10 / 2017

  • Gottesdienste im Oktober
  • Liedpredigt für Reformation
  • Evangelisch predigen in einem mutikulturellen Europa
  • Bausteine: Die Schrift
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Editorial

Lieber Gott, mach’ … (vgl. Anne Henning zum 1. Oktober)

Anne Henning hat mich an ein Gebet erinnert, das ich - schon länger her - veröffentlicht habe.
Es war ein kleines Bändchen, das Hotelbesucherinnen und -besuchern auf den Nachttisch gelegt werden konnte. (Gerhard Engelsberger, Beten ausprobieren …, Stuttgart 2010)

„Ich möchte morgen im Stau nicht fluchen.“
„Ich habe Angst um unsere Ehe.“
„Schlafen möchte ich. Nur schlafen. Und erholt aufwachen.“
„Ich brauche die Widerstandskraft gegen den Alkohol.“
„Ich möchte nicht mit leeren Händen nach Hause kommen.“
„Ich bin stolz auf meine Tochter.“
„Das war heute richtig gut. Endlich mal wieder ein Erfolgserlebnis.“
„Ich brauche das Geld, sonst würde ich diesen Job nicht machen.“
„Ich darf nicht krank werden.“
„Pass auf Papa auf, er muss morgen weit fahren.“
„Lass die Operation gut gelingen.“
„Mach’ Frieden zwischen Palästina und Israel.“
„Gib den Mächtigen die richtigen Entscheidungen.“
„Rette meine Ehe.“
„Mach’ meine Frau wieder gesund.“
„Lass unser Fest gelingen.“
„Mach’, dass meine Schmerzen weggehen.“
„Gib, dass meine Arbeit erfolgreich ist.“
„Bring mich wieder gesund zurück.“
„Lass ihn gesund ankommen.“
„Mach’, dass meine Eltern sich nicht mehr streiten.“
„Ich habe mich wieder beworben. Bitte gib mir die Stelle.“
„Gib, dass uns das Gewitter nichts tut.“

An diese Gebete erinnerte ich mich, als ich Anne Hennings Beitrag zum 16. Sonntag nach Trinitatis las und in die neue Ausgabe der PASTORALBLÄTTER eingebunden und redigiert habe.
Sie schreibt am Anfang ihres Gottesdienstbeitrages: „Lieber Gott, …“, so fangen viele Gebete von Kindern an. „Lieber Gott, …“ - auch Jugendliche und Erwachsene beten zum Teil so.

Ich behaupte, die große Mehrzahl der Erwachsenen inklusive der geschulten Theologinnen und Theologen betet so. Und wenn das so wäre, was wäre daran falsch oder schlimm?

Lieber Gott, mach’ …

Ja, ich bete gelegentlich so.
Das ist hilflos. Aber woher kommt mir Hilfe?
Das scheint sprachlos. Aber wer findet Worte beim Klang des Martinshorns?
Das ist vielleicht einfallslos.
Aber wer hat die Chuzpe, bei Tragödien, Unfällen und Unrecht „Einfälle“ zu reklamieren? Das scheint veraltet. Aber wer findet neue Worte gegen Sorgen?
Das scheint kindlich. Aber schöpfen wir nicht aus dem Mut der Eltern?
Das scheint peinlich. Ich meine, es sei ehrlich.

Lieber Gott, mach’ …
… dass unsere neue Regierung umfassend dem Frieden dient.
… dass die Herbststürme die Länder am Meer verschonen.
… dass das Mittelmeer nicht zur Todesgrube wird.
… dass der Blitz weder bei uns noch beim Nachbarn einschlägt.
… dass meine Frau vom Krebs verschont bleibt.
… dass Kai und Maria auf dem Schulweg keinen Unfall erleiden.
… dass meine Liebe Bestand hat.

Nichts wissen wir voraus.
Wenig können wir beeinflussen.
Wir verstehen - wenn überhaupt - immer im Nachhinein.
Manchem sind wir einfach ausgesetzt.
Manchmal trifft uns Freude ebenso unverhofft wie Leid.
Wir sind ausrechenbar geworden.
Aber die wesentlichen Pläne sind und bleiben uns fremd …

Ich bin und war immer kritisch gegenüber dem eigenen Gebet: „Lieber Gott, mach’ …“
Aber morgen werde ich es wieder beten angesichts der Wunden der Erde, der Wucht der Maßlosen und der Hilflosigkeit von Janina, die nicht verstehen kann, dass Vater und Mutter auf der A 5 in einen LKW-Stau gefahren sind, der beide Leben ausgelöscht hat.
Ich weiß es nicht besser.
Vielleicht - vielleicht? - weiß es der „liebe Gott“ auch nicht besser.
Aber er muss über eine Leidens- und eine Hoffnungsgeschichte verfügen, die alle Regeln sprengt.

Darum bete ich - auch wenn manche sagen, das sei kindlich - immer wieder einmal „Lieber Gott, mach’ …“

Allerdings weiß ich, das gehört zu einem ehrlichen Gebet dazu, dass ich die Nachbarin besuchen, den Flüchtling beschützen und unseren Garten selbst pflanzen und betreuen kann. Und was für den Garten gilt, das gilt auch für Dorf, Stadt und Land.

Ist nicht das Leben und die Geschichte des Lebens ein Knäuel, das nur der auflösen kann, der es gewunden hat?

Gerhard Engelsberger

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