Pastoralblätter – Predigt - Gottesdienst - Seelsorge - die Praxis

Ausgabe 7-8 / 2018

  • Gottesdienste im Juli/August
  • 2 Alternativpredigten
  • Buchtipp: Belletristik (nicht nur) für den Urlaub
  • Bausteine: Kommen, gehen, bleiben
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Editorial

Sprachenvielfalt – Abschiedskultur

Wir sind mitten in der Ferienzeit. Wer wegfährt, verabschiedet sich. Wer für Wochen wegfährt, verab­schiedet sich anders, als wenn man sich schon morgen wieder sieht. Ich habe mich kundig gemacht, wie Menschen sich verabschieden.

Meist heißt das „Auf Wiedersehen“, auf Italienisch „arrivederci“ - bis zum Wiedersehen, oder auf Französisch „au revoir“ - Auf Wiedersehen. „hasta vi­sta“ sagt man auf Argenti­nisch oder Spa­nisch und gibt sich beim Abschied einen Kuss auf die Wange. Gleich drei­mal küsst man sich in Basel, und es scheint immer schwierig, zu wissen, auf welcher Seite man anfängt.

Bislang nannte ich nur Abschiedsgrüße, die sich mit dem Wie­der­sehen derer befassen, die sich da verabschieden. Aber es gibt auch noch ganz andere Grüße. In Indonesien kreuzt man die Hände vor der Brust und beugt sich tief, je angesehe­ner der an­de­re ist, umso tiefer. Und man sagt: „Se lamat jalan“, das heißt „glückliche und heile Reise“.
„Sayonara“ auf Japanisch, das heißt nicht einfach „Auf Wiedersehen“, sondern wenn man es über­setzt, heißt es: „Wenn es denn so sein muss“. Wenn wir also aus­einander­gehen müssen, dann sayonara - wenn es denn so sein muss.
„Adios“ sagt man auf Spanisch, „mit Gott“.
Oder „Adieu“ auf Französisch - „mit Gott“.

„Goodbye“, sagen die Engländer und Amerikaner. Das ist mit Umgangssprache zusam­menge­zogen aus „God would be with you“ - „Gott möge mit dir sein“ - goodbye, Gott möge mit dir sein.

Die Italiener haben aus „Adieu“ bzw. aus dem lateinischen Vorläufer „Ciao“ gemacht, und wir?

Aus „Adieu“ - „Mit Gott“ - haben wir Deutsche „ade“, „tschüss“, „tschau“ und „adele“ ge­macht. „Tschüß“ heißt eigentlich: „Mit Gott, Gott mit dir!“
„Pfüet di“, sagen die Bayern „Behüt dich“, aber es ist nicht ge­meint „Behüt dich selber“. Ursprünglich heißt auch das „Pfüet di Gott“ - „Behüt dich Gott“.

Abschiede sind wichtige Stationen im Leben der Menschen. Bei Abschieden bitten wir Gott um Geleit, um Segen, um gute Rück­kehr, um ein Wiedersehen.

Wir umarmen uns.
Wir vertrauen unsere Wohnung an.

Warum geschieht nicht Gleiches, wenn wir uns begegnen?
Warum traut einer dem anderen nicht?
Warum bringt uns die rechte Presse so durcheinander?
Warum hat das Vertrauen nicht eine vergleichbar schöne Sprache?
Warum kündigt der neue Innenminister als Erstes strengere Grenzkontrollen an und verbannt den Islam aus Deutschland?

„Wir werfen die Schatten unserer Gefühle auf die anderen und sie die ihren auf uns. Manchmal drohen wir daran zu ersticken. Doch ohne sie gäbe es kein Licht in unserem Leben.“
Altarmenische Grabinschrift
(nach Pascal Mercier, Le Novelle, München 2007.

Mit besten Wünschen für Erholung von Körper, Geist und Seele, wohin auch immer Sie sich „vorübergehend verabschieden“! Vielleicht „profitiert“ Ihre Vertretung von den PASTORALBLÄTTERN.

Ich habe einmal geschrieben:
„Ich bin frei,
frei wie ein Kind.
An deiner Hand, Gott,
schnüre ich ein leichtes Bündel
und gehe auf Reisen.“
(G. E., Fester Schritt, weites Herz. Ein Begleitbuch für Reisende, Stuttgart 2005, S. 9)

Diese Freiheit wünsche ich Ihnen. Sie haben sie nicht nur verdient. Es ist Ihre.

Gerhard Engelsberger

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